Webwecker Bielefeld: Der Platz und das Wasser (24.10.2011)

Der Platz und das Wasser (24.10.2011)



Foto: Martin Speckmann


Der Wunsch nach einem Brunnen auf dem Siegfriedplatz plätschert vor sich hin.Ob er Wellen schlagen oder Schaum bleiben sollte, bedenkt Bernd Kegel

 

Als Mann des Ostens weiß ich die Vorzüge des Westens durchaus zu schätzen. Zum Einkauf gepflegter Lebensmittel kommen mir die Markttage auf dem ›Siggi‹ eher in den Sinn als der brummelgute Ostmarkt, obwohl ich ganz in dessen Nähe wohne. Doch es ließe sich dem Bielefelder Westen von den östlichen Stadtteilen aus auch eine Nase drehen: Wenn es ums Wasser geht! Zwar blicken wir gerade mal auf ein bisschen freie Lutter und zwei trübe Stauteiche – aber immerhin strömt und gluckert es.

Dennoch klingt mir die Nachricht, dass Wasser auf dem ›Siggi‹ fließen soll, prickelnd in den Ohren. Eine Initiative ortsansässiger Kaufleute hegt Pläne, Geld ausgeben zu lassen für eine Art von Springbrunnen. Schon werden die Kosten veranschlagt, von 150.000 Euro hört man munkeln. Was die Initiatoren in der Lokalpresse lobenswerter Weise als recht hoch veranschlagen, dabei allerdings die inflationäre Natur aller Kostenvoranschläge ignorieren. Ebenso wenig fest liegen Form und Ausgestaltung des Wunschbrunnens. Das Wichtigste aber scheint im Fluss: Mit dem Slogan ›Wasser für den Siggi‹ wird Werbung gemacht. Und Geld gesammelt.

 Klingt ja auch gut: Wasser. Fließendes, in einer Stadt, die danach dürstet. Fließend offenes Gewässer ist ein Manko in Bielefeld. Nichts in Sicht, was dem Gesamtbild der Stadt aufhelfen könnte. Stattdessen fault das einzige Gewässer, dass sich je durch die Innenstadt traute, eingemauert vor sich hin: Das Schicksal der Lutter als Metapher für den Geist der Stadt?

Schon die Idee, dem Westen Wasser zuführen zu wollen, scheint belebend gewirkt zu haben: Im Sommer erfuhr der ›Siggi‹ bundesweit Prominenz. Das SZ-Magazin, renommiertes Supplement der Süddeutschen Zeitung, stellte den Siegfriedplatz als einen von vier Plätzen im Land lobend vor. Lobte ihn als das, was er ist: ein Platz. Ein Platz, der hält, was er verspricht: Platz. Ein Platz, der Platz bietet. Weil er nicht verbaut ist. Zum Beispiel durch einen Springbrunnen.

Das Schicksal der Lutter

 Das Verbauen von Plätzen hat weltweit Tradition. Wo nichts ist, muss was hin. Und so sticht der Siggi heraus, weil er nicht verbaut wurde. Das Zubauen von Plätzen ist Angewohnheit derer, die meinen, höher gestellt zu sein und darum besser zu wissen, was die Leute ›eigentlich‹ wollen, was ›gut‹ für sie ist. Das, was sie als gut für die Leute befinden, zeigt dann meist die Insignien der eigenen Macht. Oder mindestens eine Stifterplakette. Und gern fließt irgendwie Wasser.

Zugrunde liegt dem Drang, offenen Orten durch Bauten den Platz zu nehmen, eine weit verbreitete Angst: der ›horror vacui‹, die Angst vor der Leere, Angst vor dem leeren Platz. Wo die Leute einfach nur da sind. Wo sie in den Augen der Phobiker nichts tun als lungern. Wo sie öffentlichen Raum für sich besetzen. Sich einfach hinsetzen. Nehmen wir irgendeinen attraktiven Platz in einer attraktiven Stadt: Schwupps, du wirst den Springbrunnen finden. Oder das Reiterdenkmal. Oder in Vollendung: Reiterdenkmal mit Springbrunnen. Weil das netter wirkt. Oder erhabener. Den Platz ›aufwertet‹. In Metropolen, und auch in solchen, die sich nur dafür halten, entspringt dem Springbrunnen aber auch gern der Wasserwerfer. Du soll nicht rotten. Nicht lungern. Dich nicht zusammenrotten. Zusammen rumlungern.

Flussabrieb und Prallplatte

Den Kaufleuten des Westens ist nicht zu unterstellen, derart Komplexes auf dem Schirm zu haben. Was aber die Frage mit sich bringt: was denn dann? Zumindest ja wohl fehlendes Verständnis für die Sicht der lungernden, sich zusammenrottenden und einfach nur sich aufhaltenden Menschen. Die Sicht auf die Notwendigkeit künstlicher Wasserquellen: Sie sind fließend, flüssig, überflüssig.

Verständlich, dass die ersten Gedankenspiele ins Traumhafte tendierten: Die Vorstellung plätschernder, fließender Ursubstanz, ein orientalischer Garten Eden, in dem das Elementare verspricht, Wünsche zu erfüllen. Doch kein städtisches Wasserspiel hätte sich jemals als Wunschbrunnen bewährt. Die Poesie der Idee ist durchdrungen von einer Prosa, die man so nicht braucht: In der konkreten Umsetzung geht es um Begriffe wie ›Düsenstärke‹ und ›Kübellösung‹, ›Flussabrieb‹ und ›Verwehungsverhinderungswand‹. Und zum Schluss knallt jeder poetische Gedanke an die unvermeidliche ›Prallplatte‹, die, architektonisch gesehen, keinem Wasserspiel fehlen darf.  Vielleicht ist es doch besser so: Siggi statt Prallplatte. So wie er ist, soll er bleiben. Das Geld kann ja woandershin gepumpt werden. Was wir brauchen, ist Platz. Den Siegfriedplatz. Ohne Schnick-Schnack. Wie er ist. Ganz einfach. Platz.