
Im Laden Ecke Friedrich- und Arndtstraße rauscht, gurgelt und brummt es. Silvia Bose war dabei
»Sanne«, seufzt Rudi. »Ich sach Dir: Das is New York.« Rudi blickt noch nicht mal zu Sanne rüber. Er starrt geradeaus auf das Poster. Wie sie. Spätsommerliches Licht färbt Wolkenkratzer in gelb, orange und ocker. Davor eine Stahlseil-gespannte Brücke. Als brächten Rudi und Sanne nur aufzustehen, über die ›16‹ zu steigen und in eine andere Welt zu treten, vom Waschsalon in der Bielefelder Friedrichstraße rüber nach New York. »Nee, San Franscisco«, meint Sanne, ohne Rudi auf seinem blauen Plastikstuhl auch nur anzuschauen. Waschmaschinen und Trockner rauschen, gurgeln und brummen. Ein Geräuschteppich, den nur ab und zu ein Klacken unterbricht, wenn eine Maschine die Wasserzufuhr stoppt. Kalack, Kalack.
Schilder gegen den Notfall
Mit Wäsche beladene Kunden kommen in den Salon – gern schleppen sie ihr Zeug in blauen Riesentaschen von einem Möbeldiscounter. Die wenigsten müssen noch auf die unzähligen Info-Tafeln schauen, die der Betreiber und Chef aus Verl im Kreis Gütersloh hier angebracht hat. Da ist minutiös geschildert, wie die Kunden ihre Wäsche in die Trommeln kriegen. Oder auch dass Ecevit Günes, der Lebensmittelhändler von gegenüber, ein Auge auf den Salon hat.
Auf einem Schild ist für den Notfall eine Telefonnummer angegeben. »Sie werden zurückgerufen, falls das Gespräch unterbrochen wird«, steht da auch geschrieben, als bestünde das Leben im Waschsalon aus Notfällen. Und Leser mögen sich fragen, ob denn überhaupt schon mal eins ihrer Telefongespräche unterbrochen wurde? Ob andere eine höhere Unterbrecher-Quote haben? Oder ob der Verfasser dieses Versprechens einfach nur meint, dass bestimmt auch was beim Telefonieren schiefgeht, wenn es hier schon beim Waschen nicht klappt. Klar, es gibt solche Tage.
Heute klebt an der ›2‹ ein Zettel mit der Information »defekt«, an der ›4‹ steht »schleudert nicht« und an der ›20‹: »Wir bedauern das Versagen der Maschine und bitten, diese Karte hängen zu lassen.« Ecevit Günes zuckt mit den Schultern. »Der Chef kommt jetzt aus dem Urlaub, dann läuft hier bald wieder alles.«
Billiger als ein Psychiater
Bei Rudi und Sanne läuft alles rund. Nach mehreren Kalack Kalack hat die ›16‹ noch mal schwer geschluckt. Jetzt jault sie im Schleudergang. Das junge Paar löst sich von der sepiafarbenen Skyline. Er hievt sich aus dem Stuhl; sie stemmt sich vom Marmortisch, der eigentlich zum Falten von Wäsche gedacht ist. »San Francisco wäre doch geil«, meint Sanne, öffnet die Maschinentür, zerrt zwei Kopfkissen aus der Trommel und schlurft an einer Straßenansicht von London vorbei. Da gibt es keine Diskussionen. Der rote Doppeldecker ist eindeutig. Rudi stoppt an der Zentrale, wirft 1,50 Euro für den Trockner ›21‹ ein und kann sich offensichtlich eben noch ein »Is’ aber New York!« verkneifen. Sanne drückt den Startknopf und die ›21‹ beginnt zu rauschen. Die rotierende Trommel lässt die nassen Kissen stürzen.
Die Zwei sind Gelegenheitskunden. Sie kommen nur mit Bettzeug, Teppichen und Vorhängen her. Also Kalibern, mit denen ihre Waschmaschine nicht klar kommt. »Die meisten sind Stammkunden«, weiß Ecevit. Manche haben keine Maschine, andere kriegen hier ihre Arbeitsklamotten sauber und einige schätzen die Riesenmaschine mit einem Ladegewicht von 18 Kilo oder einfach nur die kurze Waschzeit von 40 Minuten. »Denen ist das Geld egal, denen ist die Zeit wichtig«, meint Ecevit.
Letztens, erzählt der Mann, seien Engländer dagewesen. »Ne ganze Familie. Die haben drei, vier Tage gewaschen in allen Maschinen, die frei waren. Ich habe mich schon gefragt, wo die ganze Wäsche herkommt – bestimmt von einem ganzen Bataillon.« Eine Ausnahme, sicher. Da sind die Kunden häufiger, die nur zum Reden kommen. »Naja, Psychiater sind teurer«, sagt Ecevit und grinst. »Hier zahlste vier Euro und kannst quatschen.«
Ein Mann mit 90 Unterhosen
Rudi und Sanne schweigen. Sie stehen jetzt hinten links im Salon, gleich neben dem stürzenden Eifelturm. Kein Vergleich zu New York oder San Francisco. Die beiden würdigen das Poster mit keinem Blick. Sie starren auf die rot leuchtende Digitalanzeige der ›21‹. Die zählt im Sekundentakt die Zeit runter. Noch 1 Minute 36 Sekunden. Der Trockner rauscht. Irgendwo scheint sich eine Maschine zu verschlucken. Kalack. Kalack.
Ein kahlköpfiger Kunde schiebt sich mit zwei der vertrauten blauen Riesentaschen in den Salon, rasselt mit einem fahrbaren Wäschekorb zusammen und entert stolpernd die Trocknerzeile. »Einmal im Quartal wasche ich«, sagt Christian, während er gleich mehrere Maschinen lädt. »Zum Trocknen komme ich dann hierher. Der Trockenkeller bei uns im Haus geht wirklich überhaupt nicht.« Und dann erzählt er von Dreck, Staub und Schimmelpilz in seinem Keller und der Zuhörer fragt sich, ob dieser Mann nach einem großen Kleiderschrank aussieht, wo unter anderem 90 Unterhosen und 90 Paar Socken reinpassen. Eher nicht.
Christian ist offensichtlich ein nervöses Hemd. Er flitzt von den Trocknern zur Zentrale, wirft Münzen ein, drückt Startknöpfe und erzählt dabei von seinem Keller und von Freitagen, an denen sich Singles im Waschsalon tummeln sollen. Mit einem »Verzeihung, darf ich mal« quetscht er sich an dem Paar vorbei, zwinkert und lächelt. Ein Weckruf für Rudi und Sanne. »Sag mal«, fragt Rudi, umkurvt die Ecke und zeigt auf das Poster über der ›16‹: »Weißt Du, wo das ist?«
Christian ist hinterher geflattert, guckt kurz auf das Bild und fingert schon an seinem Handy rum. Rudi und Sanne warten. In der Trommel der ›21‹ wälzen sich ihre Kissen schon fluffiger. 5 Minuten und 19 Sekunden leuchten auf der Anzeige. »Da!« Christian zeigt auf das Display: »Ganz klar, Brooklyn Bridge, New York.« Rudi und Sanne schauen sich an. »Siehst Sanne, happ ich doch gesacht«, meint er und tritt näher heran, als wollte er über die ›16‹ steigen und sich davonmachen, direkt nach New York. Sanne hält ihn nicht auf.