Webwecker Bielefeld: Viel Freiheit im Käfig (01.11.2009)

Viel Freiheit im Käfig (01.11.2009)




Für Kinder hat sich der Bielefelder Westen von einer Vorhölle zum goldenen Käfig gewandelt. Die Geschichte der Kindheit hat Bernd Kegel erkundet


Wann Siegfried wirklich mal Platz hatte im Viertel, das dürfte wohl zu Zeiten Wittekinds gewesen sein. Als Bürger/Meister wie Stapenhorst auf den Plan traten, da wurde der Spielraum auf der Straße schon knapp für Roland und Dorothee. Da wurde es eng für die Kinder im Westen.

Der kleine Arndt hat wahrscheinlich nie einen Fisch aus dem Goldbach geangelt. Wahrscheinlich war Kindheit nie so, wie wir es gerne hätten. Historisch betrachtet stellte sie oft genug einen der scheußlicheren Lebensabschnitte dar. In der Antike galt es als völlig okay, ein Kind zu töten, wenn es der Gemeinschaft nicht passte. Heute geht es weniger brachial zur Sache. Die Gesellschaft tendiert zu eleganteren Methoden. Nicht mehr das einzelne Kind wird entfernt, sondern gleich die ganze Kindheit. Das scheint besser für das einzelne Kind zu sein und fällt zudem weniger auf.

Kinderfeindlicher Westen

Kindheit früher und heute: In den vergangenen 30 bis 40 Jahren vollzog sich eine Bewegung quasi vom Siechenmarsch zur Grünstraße in den Schlosshof. Um die Wende der 1970er zu den 1980er Jahren erfuhr der Bielefelder Westen die Ausprägung, die ihm auch heute noch als besondere Note nachgesagt wird. Die Nähe der jungen Universität wirkte sich belebend auf das Viertel aus. Es kamen frische Bürger in Gestalt von Studentinnen und Studenten, und die brachten allerlei lustige Ideen mit. Zum Beispiel die von der antiautoritären Erziehung. Das sollte Folgen haben. 

Aus Sicht eines Kindes handelte es sich beim Bielefelder Westen zu jener Zeit um eine Art Vorhölle. Eine Studie von 1981 bezeichnet das Gebiet explizit als »kinderfeindlich«. Der Siegfriedplatz war zu jener Zeit das kalte, harte Herz des Viertels. Umstellt von dürren Bäumchen, umsäumt von kantigen Bordsteinen. Eine Asphaltwüste in Steinbeißergrau. In der Bürgerwache hauten die Beamten von Post und Polizei staatstragend die Stempel auf die Pulte, und einen Spielplatz hätten sich die meisten von ihnen dort schlichtweg verbeten. Das Zentrum des Viertels: ein Parkplatz. Dafür war Raum. Den ihren mussten sich die Kinder selbst suchen, hinter der Johanniskirche zum Beispiel oder vor dem Kiosk an der Schlosshofstraße. Mehr Bewegungsraum war nicht vorgesehen. Das reichte eigentlich gerade mal für einen Siechenmarsch.

Doch Kinder wären nicht Kinder, wenn sie nicht auch hier ihre Wege gefunden hätten. Es mag sich um eine Hölle gehandelt haben, doch es war eine begehbare. Die Kinder zogen um die Häuser, durch die Parks, oft weit hinaus, manchmal bis zum Johannisberg, wo die Bäume lockten, die es zu erklettern galt. Weit ab von elterlichen Zugriffen. Heute klettern wieder Kinder am Johannisberg. Meist doppelt abgesichert hängen sie dann in den bunten Seilen unter den wachsamen Augen professioneller Hüter: Der Kletterpark ist eine tolle Sache. Er ist auch tolles Beispiel für die Verschlimmbesserungen, die sich vollzogen haben. Der Gedanke unablässiger Kontrolle hat sich eingebrannt in die Hirne und Seelen der Eltern.

Das Private schlägt zurück

Dabei waren die 70er/80er Jahre keinesfalls unbekümmerte Zeit. Die Angst vor der Atombombe ging um, saurer Regen ging nieder, man lernte ›Dioxin‹ zu buchstabieren und den sterbenden Wald zu betrauern. Es stand schlecht um Flora und Fauna. Aber es regte sich auch Widerstand. Eltern reagierten – mit Aufbruch. In der »linken Baracke« an der Melanchthonstraße entstanden die Ideen für eine andere Welt. Alternativ nannte man das auch: Man dachte an sich, an Jugendliche, an Kinder. So wurden die »Hottentotten grüne Motten« und andere Kindergruppen auf den Weg bebracht. Die ersten Kinderläden entstanden im Viertel. Das Private wurde politisch.

Politischem Denken wurde die Bedeutung beigemessen, die heute vor allem dem Psychologischen und Privaten zukommt. Letzteres mit Folgen. Nie zuvor in der Geschichte verfügten Kinder über so viel Freiheiten, wie sie ihnen heute zugestanden werden, ist in einer aktuellen Studie des Kinderschutzbundes zu lesen. Nie zuvor wird den Kindern so viel an Selbstbestimmungsrechten zugebilligt. Allerdings gilt dies nur in geschlossenen Räumen! Nie in der Geschichte der Kindheit haben Kindern derart an Freiheit eingebüßt, wenn es sich um den öffentlichen Raum handelt. Niemals zuvor wurde ihnen dort so viel an Eigenleben fortgenommen.

Kindheit an das System anpassen

Vieles ist schöner geworden, verdient den Namen »Grünstraße«: Die autoritären Hausmeister sind aus den Hinterhöfen gewichen, und sie haben ihre »Spielen verboten«-Schilder abschrauben müssen. Statt ihrer haben wohlmeinende Eltern bunte Plastikrutschen und hutzelige Holzhäuser in die Höfe gebracht und damit liebevoll gestaltete Kleinoasen geschaffen. Genau betrachtet sind es – hübsch gestaltete Freigehege. Schlosshöfe, in denen die Kleinen gefangen sind.

Kinder stehen heute ständig unter Beobachtung. Sie werden stets animiert von Eltern, Servicepersonal und Therapeuten. Sie touren von dem einen Spielparadies ins nächste, vom Euro Eddy zum Kieferorthopäden. Wohlmeinende Eltern sind informierter, als Eltern jemals waren. Sie tun ihr Bestes und sie stellen hohe Ansprüche. Zum Beispiel an die Kitas des Viertels.

Die Tagesplätze sind gefragter denn je. Eltern spüren, dass sie allein ihren Kindern nicht so viele Angebote machen können, wie es Kitas zuwege bringen. Doch über den Kitas schwebt der ›KiBiz‹. Das hört sich erst einmal so an, als mache sich da eine alte »Hottentottenmotten«-Alternative neu ans Werk. Doch weit gefehlt. Das schönfärberisch Kinder-Bildungs-Gesetz genannte Regelwerk befördert vieles von dem, was Hottentotten & Co. pädagogisch auf den Weg brachten, auf den Misthaufen der Geschichte. Es geht nicht um Pädagogisches, sondern darum, Kindheit reibungsloser an die Abläufe eines Systems anzupassen, in dem es weniger alternativ als neoliberal zugeht: Mutti soll nach der lästigen Babypause schnell wieder dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.

Unbezahlte Kräfte für das Gedöns

›KiBiz‹ prahlt vor allem damit, mehr Plätze für Kinder unter drei Jahren eingerichtet zu haben. In der Praxis heißt das, dass den Kindergärtnerinnen haufenweise mehr Babys ins Nest gelegt wurden. ›KiBiz‹ hat aber nicht mehr an Kohle und Kolleginnen springen lassen. So geht es nach alter Sitte: Das »Gedöns« wird den unbezahlten Kräften überlassen. Den Praktikantinnen. Die machen ihre Sache so gut sie können. Aber ›KiBiz‹ sagt: Emotionale Zuwendung ist nicht finanzierbar. Und auf den Straßen marodieren jetzt schon die Jugendlichen, als wollten sie uns bedeuten, dass dies alles erst der Anfang ist.

Sie schaffen es tatsächlich, das »Draußen« für die Kleinen endgültig zur no go area zu machen. Womit die nächste Generation von Ausgetillten schon vorprogrammiert wäre. Die Kitas reagieren unter diesem Druck. Im Westen – wie in allen ähnlichen Vierteln – bemüht man sich, so viel Außengelände naturidentisch zu gestalten, wie nur irgend möglich. Es ist, als baue man unter schwierigsten Bedingungen das Zoogehege für etwas vom Aussterben Bedrohtes: die Kindheit.

Ob das politischer Wille ist, ist nicht die Frage. Die Frage ist: Wie viel Abstand gibt es noch zwischen Siechenmarsch und Amoklauf, und wie wollen wir das alles später mal unseren Kindern erklären?