Webwecker Bielefeld: mai200302

Die Geschichte des 1. Mai in Bielefeld



Von Manfred Horn

Am 15. April 1933, wenige Wochen nach der »Machtergreifung«, begrüßte der Bundesvorstand des Allgemeinen Deutschen Gewerkschafts-Bundes (ADGB) die Einführung des 1. Mai als Feiertag: »Der deutsche Arbeiter soll am 1. Mai standesbewußt demonstrieren, soll ein vollberechtigtes Mitglied der deutschen Volksgemeinschaft werden. Kollegen und Kolleginnen in Stadt und Land! Ihr seid die Pioniere des Maigedenkens.«

Die Bielefelder »Freien Gewerkschaften« folgten und riefen zu den offiziellen Maifeierlichkeiten auf. Nötig wäre es nicht gewesen, da die von der NSDAP eingesetzten Betriebszellenleiter die Teilnahme der Belegschaften überwachten. Die ArbeiterInnen mussten in ihren Betrieben erst stempeln, bevor sie zu den Versammlungsorten zogen. Linke Transparente waren bereits nicht mehr zugelassen, jüdischen BürgerInnen wurde die Teilnahme untersagt. 50.000 Menschen bewegten sich schließlich in drei Marschzügen zum Sportplatz »Heeper Fichten«. Vereinzelt kam es zu Gegenaktionen von GewerkschafterInnen. Drei Personen wurden festgenommen, als sie »Rotfront« und »Freiheit« riefen. In Brake ließen KommunistInnen 40 Brieftauben aufsteigen, die über dem Demonstrationszug vor den Heeper Fichten mittels einer Glimmvorrichtung zielgenau oppositionelle Parolen auf Zetteln regnen ließen.

Am Tag danach offenbarte das NS-Regime sein totalitäres Gesicht. Um 10 Uhr stürmten Anhänger der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation (NSBO) und bewaffnete SA-Trupps die Häuser der Bielefelder Gewerkschaften. Das Bielefelder NS-Propagandablatt »Westfälische Neueste Nachrichten« meldete am 3. Mai Vollzug: »Die Besetzung und Gleichschaltung der Gewerkschaften ist im Interesse des schaffenden deutschen Arbeiters notwendig geworden. (...) Auch in diesem Falle lautet unsere Parole: ´Gegen den volksverderbenden Marxismus. Für die schaffende deutsche Arbeiterschaft`.« Die Einzelgewerkschaften wurden der kommissarischen Leitung der NSBO unterstellt und kurze Zeit später durch die »Deutsche Arbeitsfront« ersetzt, der ADGB-Vorsitzende Albert Gubatz und weitere Bezirksleiter verhaftet.

Gewerkschaften konnten sich erst wieder nach der Befreiung durch die Alliierten im April 1945 konstituieren. Hunger und Chaos herrschten in der zerstörten Stadt. Die Versuche, 1945 eine 1. Mai Demonstration durchzuführen, fielen dann auch entsprechend kärglich aus. Der DGB-Kreisausschuß hielt rückblickend fest: »Doch fanden sich zu besagter Zeit nur zwei Mann ein. Diese gingen zum Gebäude der alten ´Volkswacht`, klopften den Hausmeister heraus und verlangten von ihm die Herausgabe einer roten Fahne. Es waren sogar mehrere vorhanden, von denen das Hakenkreuz beseitigt war.« Die Parolen des Tages waren sowohl konkret:»Verlangt die Mitbestimmung im Betrieb bei allen Fragen«, wie auch weltanschaulich: »Nicht Anarchie, sondern Wiederaufbau und Sozialismus ist unsere Parole!«