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Kein Durchblick bei Kleidern (06.10.2004)






von Aiga Kornemann

Image und Markentreue lassen die Deutschen immer noch vergleichsweise tief in die Tasche greifen, wenn es ums Outfit geht. Stärker als bei Lebensmitteln wiegt Qualität beim Kauf von Textilien: Der Schnuffelpulli soll lange halten, das Paar Schuhe des Vertrauens mehrere Jahre bequem und schick sein. Manchem ist es auch wichtig, möglichst wenige Schadstoffe an seine Haut zu lassen, nicht etwa, wegen der gesundheitlichen Folgen, mehr weil stark »ausgerüstete«, also chemisch behandelte Stoffe, sich nicht gut anfühlen, nicht gut riechen und in Wärmeisolation und der Ableitung von Feuchtigkeit nur selten mit naturbelassenen Fasern mithalten können.


Pflegeleicht, bügelfrei und sozial unverträglich

Dafür sind chemisch behandelte Textilien »maschinenwaschbar, pflegeleicht, knitter- oder bügelfrei, flammgeschützt«, möglicherweise auch »antibakteriell«, kurz: praktisch. Nur wenige moderne Verbraucher juckt’s da noch, dass ihr Hemd auch noch unter sozial und ökologisch verheerenden Bedingungen entstand.
Über 20 Kilo Kleidung gehen statistisch gesehen jedes Jahr pro Kopf über die Ladentheke, damit sind Bundesbürger Weltmeister im Textilienverbrauch. Gleichzeitig verursacht der Baumwollanbau sechs bis zehn Prozent der weltweiten Pestizid-Produktion. Die Pestizide werden in armen Ländern oft ohne Schutzmaßnahmen für die Arbeiterinnen und Arbeiter ausgebracht, gravierende Gesundheitsschäden sind die Folge. Nach Angaben der Kampagne Saubere Kleidung setzt allein die deutsche Textilindustrie jedes Jahr rund 13.000 Tonnen Farbstoffe, 159.000 Tonnen chemische Hilfsmittel und 204.000 Grundchemikalien ein, die nicht alle unumstritten sind. Doch die deutsche Textilindustrie hält sich an die hiesigen Umweltgesetze. Es lässt sich leicht ausmalen, wie es in Ländern bei der Produktion von Textilien zugeht, in denen sowohl die Umweltgesetze, als auch die arbeitsrechtlichen und technischen Voraussetzungen fehlen, um die überwiegend Arbeiterinnen im Umgang mit teils höchst gefährlichen Chemikalien zu schützen.


Auf der ganzen Welt zu Hause

Wie kaum eine andere Branche ist die Textilindustrie auf der ganzen Welt zu Hause. Der Kampf um günstige Preise hat viele Unternehmen veranlasst, ihre Ware in Entwicklungsländern produzieren zu lassen. Rohstoffe, Zwischenprodukte und fertige Textilien werden nicht selten rund um den Globus transportiert, bis sie in hiesigen Regalen zum Verkauf liegen. Die unübersichtliche Zahl von Zwischenhändlern und –Produzenten macht es den hiesigen Markenherstellern schwer, den Weg und die Güte ihrer Produkte nachzuhalten. Naturtextilien versprechen hier Transparenz und politische Korrektheit. Allerdings gibt es auch bei Naturtextilien kaum allgemeingültige Standards. Seit den Neunziger Jahren wurden mehrere Labels entwickelt, deren Schwerpunkt von sozialen Kriterien über Nachhaltigkeit bis zu Umweltfreundlichkeit und Schadstoffarmut reicht.


Labels und ihre Kriterien

Das am weitesten verbreitete Schadstoff-Label ist der »Öko-Tex Standard 100«, weitere Beispiele sind »Toxproof« und »SG«, das Zeichen des TÜV Rheinland für Schadstoff-geprüfte Qualität. Der »Öko-Tex Standard 100« wird weltweit vergeben. Stichproben am Endprodukt gewährleisten relativ große Sicherheit für Verbraucher. Ökologische Kriterien spielen bei diesem Label keine Rolle, der Schwerpunkt liegt auf gesundheitlichen Aspekten.

Mit dem Öko-Tex Standard 100 gelabelte Produkte wurden im wesentlichen nach folgenden Kriterien geprüft:

# Verbot von krebs- und allergieauslösenden Farbstoffen

# Grenzwerte für Pestizide, Formaldehyd, Schwermetalle und chlororganische Verbindungen

# Verzicht auf Flammschutzmittel und Pestizide

# Hautfreundlicher pH-Wert

# Geruchsprüfung

# Schweiß-, Wasch-, Reib, Wasser- und Speichel-Echtheit

# Verbot von Phtalaten in Baby-Artikeln

# Verbot zinnorganischer Verbindungen und krebsverdächtiger aromatischer Amide.